Verbrechen und Strafe

Der Fall «Carlos» beschäftigte die Schweizer Medien schon seit Jahren. Am 6. November wurde der unter diesem Namen bekannte junge Mann schliesslich wegen 29 Delikten schuldig gesprochen. Er erhielt eine Freiheitsstrafe von vier Jahren sowie eine Geldstrafe.

Auslöser für die Debatte über das Jugendstrafrecht und schweizerische Sozialarbeit war eine Dokumentation des Schweizer Fernsehens. Im August 2013 wurde der Jugendanwalt Hansueli Gürber interviewt. Gürber stellte beispielhaft den jugendlichen Straftäter Carlos vor – der Name wurde verwendet, um die Privatsphäre des Angeklagten zu schützen.
                                                                                                                                                                                  Quelle: iStock, serts

Carlos galt als schwieriger Jugendlicher, der gewalttätig war. Die Jugendheime wollten ihn nicht mehr aufnehmen und Grüber suchte nach einer anderen Lösung – ein Sondersetting, das Carlos bei der Resozialisierung helfen sollte.
In der Folge empörten sich zahlreiche Zuschauerinnen und Zuschauer über die «Kuscheljustiz» und die Kosten, die mit dem Sondersetting verbunden waren. Ende 2013 wurde das Sondersetting eingestellt und Carlos wurde in ein Gefängnis überstellt – das Bundesgericht stellte jedoch 2014 fest, dass Carlos nicht rückfällig geworden war und dass die Einstellung des Sondersettings nur aufgrund von öffentlichem Druck zustande kam.
In den kommenden Jahren verübte Carlos Angriffe und wurde der Körperverletzung angeklagt. Gleichzeitig wurde in Administrativuntersuchungen festgestellt, dass er unter diskriminierenden und erniedrigenden Haftbedingungen gehalten wurde.

 

An dem Fall wurden Vorstellungen von Justiz und von Sozialarbeit sichtbar – Kritikerinnen warfen den Behörden vor, zu mild mit einem Straftäter  umzugehen, während Befürworter argumentierten, dass das Ziel der Schweizer Justiz nicht Bestrafung, sondern die Wiedereingliederung in die Gesellschaft sein sollte.
Dabei gilt es auch noch zu beachten, dass es ein Jugend- und ein Erwachsenenstraftrecht gibt. Bei minderjährigen Straftätern werden andere Massstäbe angelegt. Obwohl Carlos mittlerweile erwachsen ist wurde er nach dem Jugendstrafrecht verurteilt, da er bei seinen ersten Delikten minderjährig war.

 


 

Was ist der Zweck von Strafe und Gefängnis?
Es gibt die sogenannt absolute Straftheorie, die mit dem Prinzip «Auge um Auge» zusammengefasst werden kann. Wer einen Menschen tötet, soll die Todesstrafe erhalten, unabhängig von den Umständen.

 

Relative Straftheorien zielen eher darauf ab, künftige Straftaten präventiv zu verhindern. Wer einen Menschen umgebracht hat, erhält eine Strafe, deren Zweck es ist, dass sich die Tat nicht mehr wiederholt. Oder die Täterin/der Täter wird therapiert.

 


Der Fall «Carlos» und der Jugendanwalt (SRF Doku)


Streitgespräch zum Fall «Carlos»


Jugendkriminalität in der Schweiz – Der Fall «Carlos»